Ganz nach dem Motto “08. März ist alle Tage” wollen wir euch in diesem Format FLINTA* aus Berlin und ihre Arbeit vorstellen. Trommelwirbel für Linda Ambrosius! Sie lebt seit 6 Jahren in Berlin-Friedrichshain und arbeitet als Fotografin und Regisseurin.

Liebe Linda, wir freuen uns sehr, dich hier in deinem schönen Studio besuchen zu können. Was verbirgt sich hinter Meta Studio?

Meta-Studio ist ein Fotostudio und zugleich ein kreatives Kollektiv, das von Janine Smatzky und Jules Essig ins Leben gerufen wurde. Es bietet nicht nur Raum für die Umsetzung künstlerischer Projekte, sondern auch feste Arbeitsplätze für Kreative aus verschiedenen Bereichen der Branche. Für mich ist es ein Ort der Inspiration, des Austauschs und der künstlerischen Freiheit, aber ebenso ein ganz praktischer Arbeitsplatz, an dem ich in Ruhe meine Schreibtischarbeit erledigen kann. Und wenn’s mal zu viel wird, hilft oft schon ein kurzer Austausch in der Küche. 

Wie war dein Weg zur Fotografie und Regie?

Mein Weg zur Fotografie begann 2012 während einer Weltreise. Mit einer kleinen Digitalkamera in der Hand habe ich damals alles festgehalten, was mir vor die Linse kam, ohne die geringste Vorstellung, dass das einmal mein Beruf werden könnte.

Ein Jahr später begann ich mein Studium in Online-Medien-Management, ohne einen klaren Plan, wo es hingehen soll. Der Mix aus Informatik, Marketing und BWL klang nach einer soliden Grundlage. 2015 hatte ich das  Wahlfach „Medienproduktion“, ich landete dort im Kamera-Department und war direkt sehr investiert. Ich habe meine Tutor:innen mit Fragen durchlöchert, bis sie mir schließlich ein Praktikum in ihrer Werbefilmproduktion angeboten haben.

Ab da hat sich alles verändert. Ich habe angefangen, mich intensiv mit Kamera, Fotografie und Filmtechnik zu beschäftigen, jede freie Minute genutzt, um zu fotografieren, ob Bewerbungsfotos für Kommilitoninnen für 50 Euro oder Eventfotos. Nebenbei habe ich in einer Bar gearbeitet und war als Promoterin unterwegs, um mir mein Studium und mein Equipment zu finanzieren. Ich habe jede Chance genutzt, um weiterzukommen und Stück für Stück gemerkt: Das ist genau das, was ich beruflich machen möchte! Ich habe den Studentenstatus gut genutzt, und habe mir neben dem Studium eine Grundlage für meine Selbstständigkeit aufgebaut und meine Preise jährlich nach oben angepasst. 2018 bin ich für einen Job bei einem Fotografen nach Berlin gezogen, leider habe ich hier weniger gelernt als gehofft und viele negative Erfahrungen machen müssen. Da dort kein schöner Umgang herrschte und ich trotz Arbeitsvertrag nicht bezahlt wurde, habe ich nach vier Monaten gekündigt. Ich habe mir geschworen, wenn ich jemals in dieser Branche als Fotografin arbeiten sollte, werde ich die Menschen, mit denen ich arbeite, nie so behandeln, wie ich dort behandelt wurde. 

2019 habe ich meine Bachelorarbeit abgegeben und gleichzeitig war das mein erstes Jahr, in dem ich mich komplett über meine Arbeit als Fotografin finanzieren konnte.

Was ist der Lieblingspart an deinen Jobs?

Definitiv die Begegnung mit Menschen, sowohl vor als auch hinter der Kamera. Ich liebe es, Geschichten visuell zu erzählen und durch meine Arbeit Menschen kennenzulernen, die ich sonst vielleicht nie getroffen hätte. Außerdem bringt mein Beruf mich an Orte, die ich ohne ihn vermutlich nie gesehen hätte. Diese Mischung aus Nähe, Neugier und Abenteuer macht meinen Job für mich so besonders.

Verrätst du uns ein Highlight deiner Karriere und was du in Zukunft anstrebst? 

Ein besonderes Highlight war definitiv, als eines meiner Fotos für eine Kampagne auf dem Times Square in New York gezeigt wurde, das war surreal und ein Moment, den ich nie vergessen werde. Ein weiteres großes Herzensprojekt war eine umfangreiche Kampagne für Levi’s mit Stefanie Giesinger. Die Motive wurden riesig ausgespielt: in Stores, auf Hauswänden, in der Printausgabe der britischen Vogue, einfach überall. Es war ein sehr besonderes Gefühl, meine Arbeit in so großem Maßstab in der Öffentlichkeit zu sehen, dafür war und bin ich sehr dankbar.

Zukünftig möchte ich gerne wieder mehr reisen, mehr als Regisseurin arbeiten und über meine Arbeit inspirierende Menschen kennenlernen und deren Geschichten erzählen. Besonders interessieren mich persönliche Projekte, die Nähe und Authentizität transportieren.

Wie können wir uns deinen Alltag vorstellen? 

Einen klassischen “Alltag” gibt es bei mir eigentlich nicht, jeder Tag sieht anders aus. Mal sitze ich stundenlang am Schreibtisch, konzipiere Projekte, recherchiere Moods, mache Akquise oder aktualisiere meine Website und Social-Media-Kanäle. Dann wieder bin ich im Ausland für Produktionen unterwegs, auf Reisen oder arbeite bis spät in die Nacht an einem Pitch Deck.

Mein Leben ist ziemlich spontan, es kommt oft vor, dass Anfragen nur wenige Tage vor einer Produktion reinkommen und ich dann in kürzester Zeit packen und losfahren muss. Das kann herausfordernd sein, aber genau diese Spontanität liebe ich sehr. Natürlich gehört auch die weniger glamouröse Seite dazu: Abrechnungen, Verträge oder Angebote gegenchecken, Buchhaltung. Es ist ein bunter Mix und genau das macht es aus, kein Tag ist gleich. 

Wie nimmst du den gegenseitigen Support in deiner Branche wahr?

Mittlerweile kenne ich viele großartige Menschen in der Branche, wir unterstützen uns gegenseitig, tauschen Tipps aus oder sind da, wenn jemand Hilfe braucht. Gerade innerhalb meines Netzwerks erfahre ich viel Rückhalt.

Das war allerdings nicht immer so, besonders am Anfang fand ich es schwer, in der Branche Fuß zu fassen und Leute zu treffen, die offen für Austausch waren oder bereitwillig ihr Wissen teilten. Aber das hat sich mit der Zeit verändert, auch weil ich selbst aktiver geworden bin und mich mehr vernetzt habe. Ich habe aber immer noch das Gefühl, dass Fotograf:innen generell eher Einzelgänger sind und die Branche noch viel besser vernetzt sein könnte. 

Was wünscht du dir für FLINTA*-Personen in deiner Branche?

Ich wünsche mir mehr Sichtbarkeit und Repräsentation, insbesondere bei großen Projekten und in leitenden, kreativen Positionen. Es braucht mehr Diversität hinter der Kamera, nicht nur vor ihr. Es wäre schön, wenn FLINTA*-Personen häufiger den Raum bekämen, mutige Visionen umzusetzen, und zwar nicht nur in Nischen, sondern in der Breite der Branche.

Was repräsentiert der feministische Kampftag für dich?

Für mich ist der feministische Kampftag ein wichtiger Moment der Sichtbarkeit. Es geht darum, FLINTA*-Personen eine Bühne zu geben, ihre Geschichten zu erzählen und immer noch vorhandene gesellschaftliche Missstände ins Bewusstsein zu rücken. Es ist ein Tag, der Empowerment, Solidarität und Wandel anstößt und gleichzeitig daran erinnert, dass Gleichberechtigung kein aktueller Zustand, sondern ein kontinuierlicher Prozess ist.

Wenn du deinem jüngeren “Ich” etwas aus heutiger Sicht mitgeben könntest, was wäre das? 

Vertrau dir selbst und hör auf dein Bauchgefühl. Sei mutig, mach Fehler und hab keine Angst davor. Ich dachte lange, dass ich alles perfekt machen muss und mir keine Fehltritte erlauben darf. Das hat mir enorm viel Druck gemacht und meine Kreativität eingeschränkt. Heute weiß ich: Fehler sind wichtig, um zu wachsen. Und Selbstbewusstsein ist etwas, das man mit der Zeit entwickeln kann, durch Erfahrung, Austausch und den Glauben an die eigene Stimme.

Was hat sich über die Jahre verändert?

Vor allem mein Selbstbewusstsein. Ich habe gelernt, Dinge nicht mehr so persönlich zu nehmen und darauf zu vertrauen, dass meine Arbeitsweise und mein Stil ihren Platz haben, auch wenn sie nicht jedem gefallen.

Inzwischen weiß ich, dass Absagen, verlorene Pitches oder Kritik selten etwas mit mir als Person zu tun haben und selbst wenn… Besonders im kreativen Bereich braucht man ein dickes Fell: Es kann passieren, dass man 20 oder 30 Pitches in Folge verliert,  das ist hart, besonders wenn man sein Herz in die Konzepte steckt. Aber ich habe gelernt, damit umzugehen, weiterzumachen und meinen Wert nicht davon abhängig zu machen. Es ist aber trotzdem ein stetiger Prozess, manchmal klappt es mehr, manchmal weniger. 

Welche Vor- und Nachteile siehst du im Bezug auf Standort Berlin?

Berlin bietet viele Vorteile: Die kreative Szene ist riesig, es gibt zahlreiche Jobmöglichkeiten und man hat die Chance, sich mit inspirierenden Menschen zu vernetzen. Gleichzeitig empfinde ich die Stadt manchmal als überfordernd. Der Konkurrenzdruck ist hoch, man ist austauschbar, vieles wirkt unverbindlich, und nicht selten hat man das Gefühl, man müsse „cool genug“ sein, um dazuzugehören. Manchmal sehne ich mich nach mehr Natur, Ruhe und einem Ort, der weniger rastlos ist. Aber am Ende ist genau diese Mischung aus Reizüberflutung, kultureller Vielfalt und kreativer Freiheit das, was Berlin auch besonders macht.

Was fehlt Berlin? 

Die Nähe zu vielen Dingen. Alles ist hier immer sehr weit voneinander entfernt. Langfristig würde ich auch gerne an einem Ort wohnen, der näher am Meer ist.

Was verbindest du mit deinem Kiez?

Ich wohne lustigerweise in einer Gegend, in der es nicht wirklich einen richtigen Kiez gibt. Es gibt nicht das süße Cafe nebenan. Am Anfang hat mich das gestört, weil es hier schon sehr ruhig ist. Inzwischen schätze ich diese Ruhe in meinem turbulenten Leben sehr. Ich hatte das Glück vor 6 Jahren eine wirklich wunderschöne Wohnung zu finden, die inzwischen mein Ruhepol geworden ist. 

Danke Linda <3