Timothy Carlament sagt: no one cares about opera. Würden wir so nicht unterschreiben. Gleichzeitig verstehen wir natürlich, warum Oper für viele erst mal nach etwas klingt, das man sich für später aufhebt oder lieber aus sicherer Entfernung bewundert. Oper und du? Vielleicht war das bisher eher so eine „Irgendwann mal“-Beziehung. Dann wäre La Cenerentola an der Staatsoper Stuttgart ein ziemlich guter Moment, das zu ändern. 

Rossinis Aschenputtel kommt ohne Kitsch aus und erzählt stattdessen eine Geschichte, die erstaunlich gegenwärtig wirkt. Es geht um soziale Rollen, um Oberflächlichkeit und um die Frage, was von einem Menschen bleibt, wenn der äußere Schein wegfällt. Klingt deep? Ist es auch. Gleichzeitig ist diese Oper voller Witz, Tempo und Musik, die einen sofort reinzieht, auch wenn man im Alltag eher mit Playlists als mit Partituren unterwegs ist.

Und damit ihr nicht einfach uns beim Wort nehmen müsst, haben wir mit jemandem gesprochen, der sich wirklich auskennt: Hauptdarstellerin Itzeli del Rosario. Sie spricht mit uns über ihre erste Titelpartie, was diese Inszenierung besonders macht und warum ausgerechnet Pizza einer der schönsten Backstage-Momente dieser Produktion war. 

 

Worum geht’s in La Cenerentola?

Im Zentrum steht Angelina, besser bekannt als Aschenputtel. Bei Rossini ist sie keine passive Märchenfigur, die auf Rettung wartet, sondern eine junge Frau mit Haltung und einem klaren moralischen Kompass. Ohne Magie, aber mit umso mehr Menschlichkeit kämpft sie sich durch ein Umfeld voller Arroganz, Berechnung und familiärer Gemeinheiten.

Gerade das macht diese Version so spannend: Das Märchenhafte wird zurückgenommen, das Zwischenmenschliche rückt nach vorne. Vielleicht funktioniert diese Geschichte gerade deshalb auch nach über 200 Jahren noch so gut, weil sie im Kern davon erzählt, wie schwer und wie radikal es sein kann, freundlich zu bleiben, wenn rundherum ganz andere Regeln gelten.

© Itzeli del Rosario im Opernhaus Stuttgart

Im Gespräch mit Itzeli del Rosario

Besonders spannend ist diese Produktion  auch durch ihre Besetzung: Itzeli del Rosario singt mit Angelina ihre erste Titelpartie überhaupt. Wann für sie klar war, dass sie Opernsängerin werden will, kann sie gar nicht an einem einzigen Moment festmachen. Die Oper, erzählt sie, habe sie erst vergleichsweise spät entdeckt - mit 25, bei einer Aufführung von Verdis Otello im Theater ihrer Heimatstadt. Danach sei ihr allerdings schnell klar gewesen, dass sie diese Kunstform nicht mehr aus ihrem Leben verlieren möchte.

Dass sie musikalisch nicht nur in der Klassik zu Hause ist, zeigt sich auch abseits der Opernbühne. Privat hört sie am liebsten Musik aus den Sechzigern bis Achtzigern, nicht zuletzt geprägt von ihren Eltern, die, wie sie sagt, schon immer einen ziemlich großartigen Musikgeschmack hatten.

Dass ausgerechnet La Cenerentola nun ihre erste Hauptrolle ist, erlebt sie als etwas Besonderes: "Das ist die allererste Hauptrolle meines Lebens! Diese Erfahrung zu machen, ist ein bisschen verrückt - im allerbesten Sinn." Vor allem die positive Energie im Team und die Zusammenarbeit mit Kolleg:innen, die sie auf jedem Schritt unterstützen, machen diese Produktion für sie zu einer Erfahrung, die weit über ein Rollendebüt hinausgeht.

 

Warum Rossinis Aschenputtel bis heute funktioniert

Was Rossinis Version von anderen Aschenputtel-Erzählungen unterscheidet, ist ihr konsequenter Verzicht auf die üblichen Märchenrequisiten. Keine Fee, kein Kürbis, kein Glasschuh. Genau darin liegt für Itzeli del Rosario die besondere Stärke des Stücks:

„Was Rossinis Version für mich so besonders macht, ist genau das Fehlen der traditionellen Märchenelemente. Indem die Fantasie von Feen und Magie wegfällt und stattdessen ein Mensch im Mittelpunkt steht, der den tiefen Wunsch hat, anderen zu helfen und über Äußerlichkeiten hinauszusehen, wird die Geschichte viel realer. Sie bleibt so lange relevant, wie es Menschen gibt, die Widrigkeiten erleben und sich durch ihre Widerstandskraft behaupten.“
Itzeli del Rosario

  

Die drei Schwestern kurz vor Vorstellungsbeginn, backstage im Treppenhaus. V.l.n.r.: Maria Theresa Ullrich, Itzeli del Rosario, Luiza Willert

 

Backstage zwischen Ritualen und Pizza 

Natürlich wollten wir auch wissen, wie es hinter den Kulissen aussieht. Was bleibt besonders in Erinnerung aus so einer Probenzeit?

Itzeli erzählt: „Eine Sache, die ich nie vergessen werde, ist, wie wertvoll gute Kolleg:innen sind. Manche werden vielleicht zu Freund:innen aber auch darüber hinaus kümmern sie sich immer umeinander – selbst an den härtesten Tagen. Ich erinnere mich an einen besonders anstrengenden Freitag, als Kolleg:innen aus einem anderen Projekt uns in einer Pause mit Pizza überrascht haben. Der Geruch von Pizza, das Lachen und dieser kleine Moment des Durchatmens haben uns geholfen, mit mehr Energie und Entschlossenheit zurückzukommen. Das war ein wunderschöner Abschluss für den Tag.“

 

Und kurz bevor der Vorhang aufgeht?

 

„Als Ritual vor der Vorstellung aktiviere ich meinen Körper gern mit Dehnung und Bewegung, um für alles bereit zu sein, was kommt. Aber direkt bevor der Vorhang hochgeht oder ich auf die Bühne trete, spreche ich immer ein Gebet, das meine Großmutter mir beigebracht hat. Es gibt mir Ruhe und die Gewissheit, dass, egal was passiert, alles gut wird.“
Itzeli del Rosario

Itzel del Rosario mit Muffins für das Ensemble

 

Auch zum Publikum in Stuttgart hat Itzeli eine sehr klare Beobachtung: „Was ich am Stuttgarter Publikum liebe, ist, dass es genau weiß, was es will. Es ist aufmerksam, aber zugleich sehr offen und mutig, wenn es darum geht, neue Interpretationen klassischer Werke zu erleben.“

  

Warum La Cenerentola ein perfekter Opern-Einstieg ist

Falls ihr noch nie in der Oper wart und euch fragt, ob ausgerechnet dieses Stück der richtige Anfang wäre, fällt Itzeli del Rosarios Antwort ziemlich eindeutig aus:

„Für alle, die noch nie in der Oper waren, würde ich sagen, dass La Cenerentola ein wunderbarer Einstieg ist. Es hat alles: Komik, Drama, Geheimnis und unglaubliche Musik. Dieses Werk ist dazu da, genossen zu werden, zu entspannen und ein schönes Erlebnis miteinander zu teilen.“
Itzeli del Rosario

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La Cenerentola

Mo, 04.05.2026 19:00 Uhr
8,00 bis 126,00 €

Rossinis La Cenerentola verzichtet auf Zaubertricks und setzt auf Humor und Herz. Die urbane Aschenputtel-Geschichte zeigt, wie inneres Leuchten jede Fassade schlägt und gute Absichten am Ende siegen müssen 🤩

 

Fazit

La Cenerentola ist eine Oper, die einlädt statt einzuschüchtern. Sie ist klug, witzig, emotional und musikalisch so mitreißend, dass man ohne Vorwissen einen Zugang findet. Und mit Itzeli del Rosario in der Titelrolle bekommt dieser Abend genau die Wärme, die man sich für einen gelungenen Einstieg wünscht.  Also: Wenn ihr schon länger mal wieder ins Opernhaus wolltet oder endlich mal herausfinden möchtet, ob Oper vielleicht doch euer Ding ist — das hier wäre ein ziemlich guter Moment dafür.