BEUYS 2021: LUTZ MOMMARTZ SOZIALE PLASTIK SCREENING

Film

Das sagt der Veranstaltende:

Anlässlich von beuys 2021 wird der 16-mm-Film Soziale Plastik (1969) von Lutz Mommartz, der Teil der JULIA STOSCHEK COLLECTION ist, im Kino der JSC Düsseldorf präsentiert. Darüber hinaus ist der Film permanent online im Sammlungskatalog und in der JSC Video Lounge zu sehen.

Joseph Beuys hat sich als einer der bedeutendsten Künstler des 20. Jahrhunderts in das kollektive kulturelle Gedächtnis unserer Zeit eingebrannt. In Soziale Plastik sehen wir Beuys, wie wir ihn kennen, gekleidet in seine Markenzeichen: ein weißes Hemd, die Anglerweste und der dunkle Filzhut. Er schaut uns volle elf Minuten von der Leinwand aus an – ohne ein Wort zu sprechen, aber mit festem selbstbewussten Blick, den er direkt in die Kamera richtet. Beuys folgt mit seiner rudimentären Performance der Anweisung des Filmemachers. Dieser hatte – wie es im Vorspann des Films heißt – Beuys einzig und allein aufgefordert, „sich dem anonymen Zuschauer gegenüber zu verhalten“. Diese schlichte Regieanweisung an den Darsteller ist für Mommartz’ Filme ebenso typisch wie die minimalistisch gestalteten Settings, die Interaktion mit der Kamera sowie der Verzicht auf ein Drehbuch.

Beuys wird in Mommartz’ Film, wie auch der Werktitel suggeriert, zu dem, was er selbst immer propagiert hat: eine Soziale Plastik, die gestaltend auf die Gesellschaft einwirkt und diese zum Besseren hin verändert. Indem Beuys mit uns als Betrachter*innen über das Medium „Film“ in Blickkontakt tritt, eröffnet er einen sozialen Raum der Interaktion. Seine vehemente, ikonenhafte Präsenz setzt Beuys dabei als Mittel ein, dem wir uns als Zuschauende nicht entziehen können. Ob wir Beuys’ Blick standhalten, ihm ausweichen oder uns nach einigen Minuten gelangweilt abwenden – wir müssen uns gegenüber Beuys verhalten, ebenso wie er sich zu den „anonymen Zuschauer*innen“ verhält. Der Film fordert aufgrund der fehlenden Handlung nicht nur die herkömmlichen Sehgewohnheiten heraus, sondern lässt die Rezipient*innen in einen fast körperlich erfahrbaren Dialog mit Beuys treten. Beuys wendet so den Auftrag, den er von Mommartz erhalten hat, auf diese selbst an. Sie werden wiederum Teil der Performance und dadurch im Sinne der Beuys’schen Überzeugung, jeder Mensch sei ein Künstler, für die Länge der Interaktion selbst Künstler*innen.

Genau dieses Ausloten der Verhältnisse zwischen Filmemacher, dem Medium „Film“, den Protagonist*innen und Rezipient*innen sowie der Authentizität im Film interessiert Mommartz, der als einer der wichtigsten Vertreter*innen des deutschen Experimentalfilms gilt. Ende der 1960er-Jahre gehörte er zu einem Kreis von Filmemacher*innen, die sich unter dem Namen „Das andere Kino“ formierten. Die unabhängige Experimentalfilmbewegung, der unter anderem Werner Nekes, W + B Hein und Klaus Wyborny zugerechnet werden, gilt als Antwort auf das New American Cinema. Sie setzten sich nicht nur für neue filmische Ausdrucksmöglichkeiten fernab des Mainstreams und der Etablierung des Films in der bildenden Kunst ein, sondern auch für alternative Filmdistributionswege.

In gewisser Weise trifft Beuys’ Konzept der Sozialen Plastik und das Diktum, dass jeder Mensch ein Künstler sei, auch auf Mommartz selbst zu. Als Oberinspektor beim Düsseldorfer Stadtbauamt kam er Mitte der 1960er-Jahre als Autodidakt zum Film. In dieser „zweiten“ künstlerischen Karriere erlangte er 1967 plötzliche Bekanntheit durch die Teilnahme und Prämierung seiner 16-mm-Kurzfilme auf dem renommierten Experimentalfilmfestival im belgischen Knokke. Zusammen mit der Düsseldorfer Filmgruppe trug Mommartz zudem zur Gründung der Düsseldorfer Filmwerkstatt (1976) sowie der ersten Filmklasse an der Düsseldorfer Kunstakademie bei. Letztere wurde der Abteilung für Kunsterziehung in Münster angegliedert (heutige Kunstakademie Münster), die Mommartz von 1978 bis 1999 als Professor für Film leitete.

Soziale Plastik ist Teil von beuys 2021 und wird zusammen mit dem Spielfilm JUPP, WATT HAMWER JEMAHT? (2019) des Filmregisseurs Jan Bonny und des Künstlers Alex Wissel im Kino der Düsseldorfer JULIA STOSCHEK COLLECTION gezeigt. Soziale Plastik ist jeden Sonntag von 11 bis 16 Uhr zu sehen, JUPP, WATT HAMWER JEMAHT? findet sonntags um 16 Uhr statt.

Darüber hinaus ist Joseph Beuys’ Metallschild Buttocklifting (Edition Staeck) von 1974 als permanente Installation neben dem Eingang des Sammlungsgebäudes zu sehen.

Lutz Mommartz (* 1934) lebt und arbeitet in Düsseldorf. Das Werk des Experimentalfilmers wird aktuell innerhalb einer großen Retrospektive in der Kunsthalle Düsseldorf gezeigt.

Öffnungszeiten: Sonntags, 11–18 Uhr

Bitte beachten Sie, dass ein Besuch der Ausstellungen nur unter folgenden Voraussetzungen möglich ist:

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