FOTO: © Jean-Louis Fernandez

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Acht Menschen nach einem Fest: Aus Intimität wird Kontrolle, aus Gemeinschaft Instabilität. Gisèle Vienne und Marie NDiaye machen in ihrer ersten Zusammenarbeit sichtbar, wie Macht, Gewalt und soziale Erwartungen Körper, Sprache und Beziehungen durchziehen – leise, präzise, unerbittlich.

Ein Fest ist vorbei. Gläser stehen leer, Musik ist verklungen, Müdigkeit legt sich über den Raum. Acht Menschen bleiben zurück – Verwandte, Freund*innen, Zufallsbekanntschaften. Was als Hochzeitsritual begann, verwandelt sich in ein instabiles soziales Gefüge. Nähe wird zur Zumutung, Fürsorge zur Frage von Macht. In diesem Moment setzt die neue Arbeit von Gisèle Vienne ein.

Die Produktion, eine Koproduktion der Berliner Festspiele, markiert die erste Zusammenarbeit der französisch-österreichischen Choreografin und Regisseurin mit der französischen Autorin Marie NDiaye. Die Künstlerinnen verbindet ein präziser Blick auf die unscheinbaren, oft unsichtbaren Formen von Gewalt und Kontrolle, die sich in Sprache, Gesten und Beziehungen einschreiben. 

Wo NDiaye mit literarischer Genauigkeit psychische Verschiebungen, familiäre Abhängigkeiten und soziale Rollenbilder freilegt, übersetzt Vienne diese Spannungen in Körper, Zeit und choreografische Verdichtung. Gemeinsam entwerfen sie ein Bühnengeschehen, das Macht nicht behauptet, sondern spürbar macht. Dazu schafft die Musik der isländischen Cellistin und Oscarpreisträgerin Hildur Guðnadóttir eine sinnliche und zugleich präzise Klangwelt.

Angelegt ist die Arbeit als eine Art Porträtgalerie. Jede Figur erzählt eine eigene Geschichte – und ist zugleich Teil eines Gefüges, das von gegenseitigen Abhängigkeiten geprägt ist. Gegenwart, Erinnerung und Zukunft überlagern sich. Themen wie Eco-Anxiety, Rassismus, Sexualität, soziale Herkunft und das Konzept des „Passing“ – das Durchgehen als jemand anderes – durchziehen die Arbeit als latente Kräfte. Identität erscheint nicht als stabiler Kern, sondern als etwas, das unter gesellschaftlichem Druck permanent neu verhandelt wird.

Im Rahmen der Performing Arts Season der Berliner Festspiele 2026/27, die Mythen und Ritualen gewidmet ist, wird diese Bühnenarbeit selbst zu einem zeitgenössischen Ritual: nicht als Ort der Versöhnung, sondern als präzise Versuchsanordnung. Sie legt offen, wie Gemeinschaft entsteht, wie Macht wirkt – und wie brüchig die Versprechen von Nähe, Schutz und Zugehörigkeit geworden sind.

Gisèle Vienne zählt zu den prägenden Stimmen der internationalen Performance- und Theaterszene. Ihre Arbeiten – darunter Jerk, Crowd, L‘Etang und zuletzt Extra Life – sind bekannt für ihren experimentellen Umgang mit Zeit, ihre unheimliche Präzision und die Darstellung latenter Gewalt unter der Oberfläche scheinbar vertrauter Situationen. In der Zusammenarbeit mit Marie NDiaye, deren Schreiben für radikale Ambivalenz und schonungslose Analyse familiärer und gesellschaftlicher Machtverhältnisse steht, gewinnt diese Forschung eine neue sprachliche Schärfe und eine eindringliche theatrale Form.

Künstlerisches Team

Gisèle Vienne – Konzept, Choreografie, Leitung, Szenografie, Kostüme

Sophie Demeyer, Angélique Flaugère, Adèle Haenel, Julien Louisy, Theo Livesey, Audrey Merilus, Katia Petrowick, Julie Shanahan – Performer*innen, Kollaboration Entwicklung

Hildur – Originalmusik

Adrien Michel – Sounddesign

Gisèle Vienne, Nicolas Boudier – Licht

Marie NDiaye – Text

Sara Ruiz – Koordination Technik, Inspizienz

Adrien Michel, Géraldine Foucault Voglimacci – Tontechnik

Iannis Japiot – Lichttechnik

Paola Gilles (DACM) – Produktion, Tournee

Cloé Haas, Clémentine Papandrea – Verwaltung

Preisinformation:

12,00 - 39,00€

Location

Berliner Festspiele
Berliner Festspiele Schaperstraße 24 10179 Berlin
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