FOTO: © Immanuel Birkert Shady Garden (1) & (2), 2023, Latex paint on fired clay.
Ausstellung "Zum Paradies"
Das sagt der/die Veranstalter:in:
„Das Eyland muss ein Paradies sein.“
Prinz Wilhelm von Nassau, 1842
Mit diesen Worten beschrieb Prinz Wilhelm von Nassau 1842 die Potsdamer Havellandschaft. Die Villa Schöningen befindet sich bis heute in einer Umgebung, die selbst als Ideal entworfen wurde: Die von Peter Joseph Lenné und Gustav Meyer gestalteten Gärten entlang der Havel gehören zum sogenannten „preußischen Arkadien“, einer Landschaft, in der Natur geordnet, inszeniert und zum Bild eines harmonischen Lebens geformt wurde.
Das Paradies ist jedoch nicht nur ein Ort der Sehnsucht, sondern immer auch Spiegel seiner Zeit. Bis heute begegnet uns die Idee des Paradieses in der Werbung, im Film, in der Literatur, im Tourismus oder in digitalen Utopien. „Zum Paradies“ fragt danach, wohin uns diese Vorstellung geführt hat — historisch wie gegenwärtig.
Die Ausstellung versteht das Paradies nicht als realen Ort, sondern als wirkmächtige Idee, die Landschaften, Körper und gesellschaftliche Ordnungen prägt. Innenräume und Garten sind dabei eng miteinander verschränkt. Was im Haus als Motiv oder Erzählung erscheint, setzt sich draußen als räumliche Erfahrung fort.
Am Anfang steht dabei weniger ein Ursprung als vielmehr ein Verlust. In der Bildtradition erscheint das Paradies häufig als Erinnerung an einen Zustand, der bereits verschwunden ist. Doch diese Sehnsucht bleibt nicht folgenlos. Landschaften werden gestaltet, Körper normiert und Natur in Bilder überführt. Besonders der weibliche Körper wurde über Jahrhunderte hinweg als paradiesischer Raum projiziert: verfügbar, idealisiert und kontrolliert. Zeitgenössische Arbeiten brechen diese Ordnung auf und verschieben das Paradies von einem Ort der Harmonie zu einem Raum gesellschaftlicher Aushandlung. Auch Figuren wie Lilith unterlaufen die Vorstellung eines friedlichen Ursprungs und machen das Paradies zur Kontaktzone von Macht, Wissen und Geschlechterverhältnissen.
Gleichzeitig lebt die Idee des Paradieses in Bildern idyllischer Landschaften fort — oft im Kontrast zu den ökologischen, politischen und kolonialen Realitäten, auf denen sie beruhen. Gerade in Potsdam, einem Ort, der von wechselnden politischen Systemen und Grenzerfahrungen geprägt wurde, zeigt sich zudem, wie eng Vorstellungen vom Paradies mit gesellschaftlichen Utopien verbunden sind. Sowohl sozialistische Zukunftsbilder als auch westliche Konsum- und Freiheitsversprechen entwarfen eigene Bilder eines „besseren Lebens“.
Heute verschiebt sich das Paradies erneut. In den Bildwelten des Silicon Valley und den Entwicklungen künstlicher Intelligenz erscheint es zunehmend als optimierter Zustand: effizient, personalisiert und scheinbar frei von Reibung. Kontrolle verschwindet dabei nicht, sondern verlagert sich in digitale Systeme, Datenströme und algorithmische Strukturen.
Die Ausstellung entfaltet ein Geflecht historischer und zeitgenössischer Positionen. Motive verschieben sich, überlagern sich und treten in neue Zusammenhänge. So erscheint das Paradies nicht als verlorener Ort, sondern als Vorstellung, die unsere Wirklichkeit bis heute formt.
Dr. Anne Daffertshofer und Pola van den Hövel
Mit Werken von Immanuel Birkert, Lisa Brice, Jan Brueghel der Jüngere, CATPC, Annalee Davis, Philip Hudgson Dorrel, Constant Dullaart, Albrecht Dürer, Esther Forse, Camila Ospina Gaitán, Fee-Gloria Grönemeyer, Alexandra Daisy Ginsberg, Martin Groß, Sonja Halbfass, Trulee Hall, Barbara Hammer, Dorothy Iannone, Christin Kaiser, Eva-Fiore Kovacovsky, Sarah Lehnerer, Mischa Leinkauf und Ed Davenport, Marzia Migliora, Siobhan McLaughlin, School of Fontainebleau, Lisa Seebach, Kiki Smith, Oana Stanciu, Friedrich Thieme, Vinča Terrakottafigur einer Frau
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