silent green präsentiert
„Wir leben aktuell in einem andauernden Krisenmodus. Nach einer Pandemie gibt es derzeit Kriege mit einem erheblichen Eskalationspotential und wir wissen, dass die Kipppunkte der Klimakatastrophe längst überschritten sind. Eigentlich ist es klar: Das Spiel ist gelaufen.“ – Bjørn Melhus
17. Juli bis 23. August 2026 I Betonhalle
Eröffnung: Do, 16. Juli, Einlass: 19 Uhr / Start: 19:30 Uhr
Öffnungszeiten: Di–Fr, 14–20 Uhr / Sa–So, 11–20 Uhr
Eintritt frei
Diesen Sommer widmet das silent green dem Künstler Bjørn Melhus eine umfangreiche Einzelausstellung. LOST IN FINITY entfaltet sich als immersive Gesamtinstallation, die eigens für die Betonhalle des silent green konzipiert wurde.
Melhus inszeniert den Ausstellungsraum als Parcours durch das mediale, kollektive Unterbewusste des 20. und 21. Jahrhunderts, als filmische Erzählung zwischen menschlichen Sehnsüchten und Ängsten, zwischen Untergangsszenarien und utopischen Entwürfen. Ausgangspunkt ist Material mit neu kombinierten Ausschnitten aus seinem künstlerischen Schaffen der vergangenen 35 Jahre, das auf unheimliche Weise mit der Gegenwart in Resonanz tritt: religiöse Bildwelten treffen auf popkulturelle Endzeitvisionen und technoide Exit-Strategien.
LOST IN FINITY schafft einen ebenso melancholischen wie tragischkomischen Denkraum zur Multikrise der Gegenwart, verbunden mit der akuten Frage nach möglichen Gegenentwürfen und neuen Utopien.
Zeitenende in der Unendlichkeit
Während gegenwärtig die Apokalyptik wieder hoch im Kurs steht, erleben wir in einem "einfach-weiter-so" die Verleugnung der Möglichkeit eines Endes. Zwei Zustände, die der Philosoph Srečko Horvat in seinem Buch Poetry from the Future als "apocalyptic fetishism" und "fetishist denial" beschreibt. Die Ausstellung versucht, beide Fragestellungen ineinander zu verschränken.
Zentral für die thematische Ausrichtung der Ausstellung ist die Videoarbeit REVELATION, die 2024 während eines Aufenthalts an der Deutschen Akademie Villa Massimo in Rom entstand und nun erstmals in Berlin gezeigt wird. Sie greift Motive der Johannes-Offenbarung auf und verwebt diese auf nahezu suggestive und malerische Weise mit Bildchiffren der Gegenwart.
„Bereits seit einigen Jahren untersuche ich in meiner Arbeit apokalyptische Narrative als
wiederkehrende Motive innerhalb des Unterhaltungskinos und der Popkultur. Während meines Aufenthaltes in Rom habe ich mich neben der antiken Geschichte auch den hier zu entdeckenden apokalyptischen Bildwelten zugewandt, um mit REVELATION
den Versuch zu unternehmen, ein phantasmorgasmisches Bewegtbild zu schaffen, welches die ekstatisch-religiösen und zum Teil geradezu psychedelischen Vorstellungen mit den gegenwärtigen Bedrohungen verknüpft.“
– Bjørn Melhus
Aus einem Gespräch mit Dr. Susanne Kaufmann-Valet, Staatsgalerie Stuttgart
LOST IN FINITY ist verwoben in eine übergreifende, traumartige Erzählung aus kurzen Video-Loops: Eine sich stetig wandelnde Komposition aus Figuren, Monolog- und Dialogfragmenten, Klangfetzten, Landschaften, Planeten und Weltraumprojektionen leitet die Besucher*innen durch die Ausstellung. Zugleich wird der Ausstellungsraum zu einer Reise durch die Kernfragestellungen einer künstlerischen Praxis, die sich seit drei Jahrzehnten mit medialen Repräsentationen von Krieg, Religion, Kapitalismus und verlorenen Utopien auseinandersetzt. Melhus eigene Stimme ist dabei nie zu hören, stattdessen arbeitet er mit variierenden, sich wiederholenden Stimmzitaten, die er aus bekannten Hollywood-Filmen, TV-Serien und YouTube-Videos extrahiert.
Ein umfangreiches Veranstaltungsprogramm mit Screenings und Talks wird die Ausstellung begleiten.
Bjørn Melhus
Bjørn Melhus zeigte 1986 erstmals einen Film auf einem Berliner Kurzfilmfestival und lebt seit 1987 in Berlin. Seine vielfach ausgezeichneten und international ausgestellten Videos und Installationen setzen sich in eigens entwickelten Narrativen und Rollenspielen kritisch und humorvoll mit Phänomenen der Massenmedien und der Gesellschaft auseinander.
Melhus studierte in den 1990er Jahren Kunst an der HBK Braunschweig und als DAAD-Stipendiat Film am California Institute of the Arts. Neben kürzeren Auslandsaufenthalten, u. a. in Japan, Mexiko, Ungarn und Italien, war er Stipendiat des Landes Niedersachsen am International Studio and Curatorial Program (ISCP) in New York.
Innerhalb der Videokunst hat Bjørn Melhus eine singuläre Position entwickelt, die vor allem die Möglichkeiten der Kino- und Fernsehrezeption erweitert. Seine Geschichten haben narrative Strukturen, die durch die Aufsplitterung von Bild- und Tonebene geformt werden. Durch Fragmentierung, Destruierung und Neukonstituierung bekannter Motive, Themen und Strategien der Massenmedien entsteht nicht nur ein Netz neuer Bedeutungen und kritischer Kommentierungen, sondern es wird auch das Verhältnis der Betrachter*innen zu denselben neu definiert. Seine rhythmisierten Sprach- und Klangcollagen schließen fast beiläufig die Mittel der Videoclip- und Trailer-Kultur ein, doch zitiert Melhus weder Popmusik noch propagiert er in appropriierender Form Lifestyle. Seine Arbeiten legen Kommerzialisierungsmechanismen offen, rebellieren gegen Simplifizierung und globale kulturelle Vereinheitlichung.
Bjørn Melhus lebt und arbeitet in Berlin und lehrt an der Kunsthochschule Kassel. 2023/24 war er Stipendiat an der Deutschen Akademie Rom Villa Massimo.
Die Einzelausstellung LOST IN FINITY ist ein Projekt der silent green Film Feld Forschung gGmbH.
Gefördert durch den Hauptstadtkulturfonds.
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