Das sagt der/die Veranstalter:in:

Anomalien des Hörens

Mit Tarik Haskić, Stephanie Castonguay und NKISI verschiebt dieser Abend den Fokus vom Werk auf den Prozess. Statt als fertiges Produkt erscheint Klang hier als kybernetische, materielle und rhythmische Bewegung zwischen Material, Technologie und Erinnerung – fragil, durchlässig, offen. Elektronische Medien werden nicht als abstrakte Oberfläche behandelt, sondern in ihrer stofflichen und ökologischen Bedingtheit freigelegt. Zerfallende Tonträger, gehackte Apparaturen, hybride Interfaces und Archive aus Field Recordings machen hör- und sichtbar, dass jede digitale Praxis auf konkreten Ressourcen, Entscheidungen und Machtverhältnissen beruht. Technik wird dabei nicht neutral gedacht, sondern als Träger von Geschichte, Auswahl und Ausschluss.

Gleichzeitig wird das Konzert selbst zur experimentellen Versuchsanordnung. Gemeinsames Hören als prozessuales Geschehen im Raum. Artefakte, Störungen und vermeintliche Fehler werden produktiv, als Brüche im System, als Hinweise auf das, was sonst überdeckt bleibt. Zwischen Noise, polyrhythmischen und auf Rückkopplung basierenden Strukturen, improvisatorischer Offenheit und sensibler Signalverarbeitung entsteht ein dichtes Geflecht, das sich im Moment formt und gleich wieder entzieht. Ein Abend über die Materialität elektronischer Klänge, über das Archiv als umkämpften Speicher und über das Hören als bewusste Praxis in einer technologisch geprägten Gegenwart, getragen von zwei benachbarten Spielorten, die seit Jahren mit eigenständigen anspruchsvollen Programmen das Musikgeschehen in Essen prägen.

Tarik Haskic
A Cycle of Tunings

Tarik Haskić ist ein in Slowenien lebender Klangkünstler, dessen Arbeit sich zwischen Field Recordings, ortsspezifischem Hören und experimentellen Klangformen bewegt und auf einem Verständnis des Hörens als epistemologischem und kybernetischem Prozess basiert, der durch Rückkopplung und Interaktion geprägt ist. Für das Festival BLAUES RAUSCHEN entwickelt er „A Cycle of Tunings“, eine Komposition, in der eine Orgelpfeife, die durch Atem als klanggebender Körper aktiviert wird, auf den DIY-Synthesizer Fourses Zi Hai trifft, ein handgefertigtes Instrument von Peter Blasser von Ciat-Lonbarde, sowie auf einen DIY-Tocante Studworth Phasi. Unter Verwendung von Ciat-Lonbarde-Papierkreisen und der Orgelpfeife als offenes System der Modulation, Drift und Reaktion entfaltet sich die Performance durch Instabilität, Resonanz und gegenseitige Beeinflussung. Die Instrumente fungieren als nicht-hierarchische Assemblagen, in denen die Kontrolle über Schaltkreis, Geste und Umgebung verteilt ist. Berührung fungiert als Modulation innerhalb eines Rückkopplungsfeldes, während Gesten die Beziehungen innerhalb des Systems neu ordnen und Instabilität, Zufall und Fehler zu kompositorischen Bedingungen werden.

Stephanie Castonguay
soft_cuts

Elektronische Medien erscheinen oft immateriell. Tatsächlich bestehen sie aus Ressourcen, Oberflächen und mechanischen Prozessen. Genau in diesem Spannungsfeld arbeitet Stephanie Castonguay. Für „soft_cuts“ entwickelt sie ein ungewöhnliches Setup aus gehackten Plattenspielern, die mit Playmobil Elementen erweitert und mit zusätzlichen Tonarmen ausgestattet sind. Darauf laufen fragile Bio Vinyls, deren Material langsam zerfällt und in Stücke bricht. Die Platten werden nicht einfach abgespielt, sondern tastend durchlaufen. Laufrichtungen wechseln, Fragmente verschieben sich, die Haltbarkeit der Materialien bleibt ungewiss. Aus diesem Prozess entsteht ein Geflecht aus ungeraden Rhythmen, mechanischen Schleifen und improvisierten Strukturen. Gleichzeitig wird der Apparat selbst sichtbar. Reflektierende Oberflächen, rotierende Arme und bewegte Fragmente erzeugen auf speziellen Screens eine visuelle Partitur mechanischer Bewegung.

NKISI
Anomaly Index

Kann die Aufnahme von Sound je neutral sein oder ist sie stets durch Vorauswahl, technische Beschränkung oder Rassismus korrumpiert? Diese grundsätzliche Frage stellt NKISI auf ihrer (be)rauschenden Kassette „Anomaly Index“, die sie Ende 2025 auf dem ugandischen Label Nyege Nyege Tapes veröffentlicht hat. Das Tape ist dabei lediglich Ausgangspunkt für eine Serie von Live-Kompositionen, die auf einem eigens angelegten Soundarchiv basieren. Für das Festival BLAUES RAUSCHEN experimentiert sie mit diesem Archiv und begibt sich auf eine Suche nach „paranormalen Audios und psychoakustischen Aufnahmen“. Artefakte, Aufnahmefehler, aber auch polyrhythmische Drumsynthesen und Live-Mikrofonierung lassen einen dichten Nebel aus Noise entstehen.

Location

Rabbit Hole Theater Viehofer Platz 19 45127 Essen
Rabbit Hole Theater
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