L is for the Way You Look at Me II

FOTO: © Yukiko/HKW

L is for the Way You Look at Me II

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L is for the Way You Look at Me II
Diskursives Programm

Anhand von Workshops, Vorträgen, Performances und anderen gemeinschaftlichen Aktivitäten denkt die Diskursreihe L is for the Way You Look at Me das Konzept von Liebe neu. Ausgehend von der ersten Ausgabe, die Liebe und Intimität durch die unsichtbare Verstrickung mikrobischer Wechselwirkungen zu verstehen versuchte, führt die diesjährige Veranstaltung die Auseinandersetzung mit Liebe fort, indem sie die Sinne und das Empfinden in Bezug auf das Körperliche denkt – als größere Körper im Geflecht mikroorganischer Systeme. Der Fokus auf das Körperliche als durchlässig, transformativ und spezienübergreifend vermittelt ein Verständnis des Selbst als komplexe Landschaft, die mit anderen Körpern, Gefühlen, Geschichten und Rhythmen verwoben ist.    

Von Einzellern zum multizellulären Körper zeichnet die Reihe Leben nicht bloß im Sinne einer evolutionären Linearität nach, sondern auch in Bezug darauf, wie es – eingebunden in einen Transformationsprozess – durch eine radikale Fusion lebender Materie entstanden ist. Folgt man der Theorie der Symbiogenese geht der Ursprung komplexen Lebens auf der Erde auf das präkambrische Zeitalter zurück, als eine kernlose „prokaryotische“ Zelle, getrieben von biologischen Impulsen, ein kleineres Bakterium verschlang. Aufgrund der Verdauungsbeschwerden gingen die zwei Organismen eine Lebensverbindung ein und bildeten letztlich eine hybride, kernhaltige “eukaryiotische” Zelle, die die zelluläre Grundeinheit aller Tiere, Pflanzen, Pilze und Protisten darstellt.[1] Dieser Fusionsprozess, der vor etwa drei Billionen Jahren stattfand, setzt sich auch heute noch fort und liefert die zelluläre Grundlage für nahezu alle lebenden Organismen: Pflanzenzellen integrieren photosynthetische Bakterien, um Nahrung aufzunehmen und zu atmen, Korallen nehmen photosynthetische Algen in sich auf, um Energie zu gewinnen, und unser Darm beherbergt eine Vielzahl von Bakterien für die Verdauung. Dieser Prozess der gegenseitigen Durchdringung, der teils aus dem Aufbrechen von Membranen, teils aus Fortpflanzung,[2] teils aus Verdauung und teils aus einer Schutzfunktion besteht, spielt sich bei lebenden Organismen auf der zellulären Ebene ab und bildet die Grundlage allen Lebens – in ständiger Verformung und Umformung fluider Körperkonturen. 

Vor etwa 4,5 Billionen Jahren kam es zu einer vergleichbaren Fusion: eine starke Kollision der Planeten Theia und Erde führte dazu, dass sich der Erdmantel öffnete und folglich ein großer Teil von Theia in den Erdkern eindrang. Die Trümmerteile der Planeten sammelten sich letztlich in jenem Mond, der die Erde umkreist. Diese Wissenschaftstheorie[3] von der Entstehung des Mondes aus dem Jahr 2022 erzählt eine ähnliche Geschichte wie die der Symbiogenese von Zellen: die grenzüberschreitenden Interaktionen zwischen verschiedenen Formen als Ausgangspunkt für die Transformation von Leben und die Evolution. Das Erde-Mond-System[4] setzt planetarische Kräfte in Gang und schafft so langperiodische Gezeiten, die die Ökologien der Erde formen und innerhalb derer jene Anziehungskräfte die Voraussetzungen dafür schaffen, dass Zellkollisionen und Hybridisierung stattfinden können. In diesem Gefüge sind schließlich Einzeller entstanden, die verschmelzen, sich begegnen, einander abstoßen, sich ernähren, vermehren und sterben – die sind und werden. Im Laufe der Jahrmillionen haben sie sich zu verschiedenen Lebewesen, darunter auch zum Menschen, entwickelt. 

Körper – menschliche wie nichtmenschliche, mikrobische wie planetarische – sind miteinander verflochten in einem Netz kodependenter Beziehungen. Sie sind gleichzeitig Gastgeberinnen und Teilnehmerinnen einer Reihe von Aktivitäten, bei denen Haut aufreißt, Gene ausgetauscht werden und sich Formen wandeln, um Stoffwechselprozesse zu betreiben, zu überleben, sich fortzupflanzen und sich weiterzuentwickeln. Diese gemeinsame Verwandtschaft auf zellulärer Ebene zwischen verschiedenen Körpern spinnt Fäden der Verbundenheit zwischen den verschiedenen Bereichen des Lebens, ganz wie die interplanetaren Gezeiten, die das Leben auf der Erde durch ozeanische Rhythmen, Mondzyklen, Herzschläge, Atmung und Blutungen miteinander verbinden. In Anlehnung an dieses Beziehungsgeflecht betrachtet L is for the Way You Look at Me II das Körperliche als einen ökologischen Ort, der mit dem Geflecht des Lebens verbunden ist und in ihm mitschwingt. Anhand von weiblichen, queeren, verwundeten und heilenden Körpern bewegt sich das Programm zwischen Esskulturen und Heilpraktiken, Astrologie und Landwirtschaft, Musik und Poesie, um zu erforschen, wie sich Körper auf die Welt einstimmen und ihr einen Sinn geben. 

Das Programm, das in diesem Jahr jeweils im Sommer, Herbst und Winter stattfindet und sich mit Themen wie etwa more-than-human, medizinischen Kosmologien, Innerlichkeit und Dunkelheit auseinandersetzt, lädt das Publikum dazu ein, den Körper durch unterschiedliche Temperaturen, Zeitlichkeiten, Herzschläge und Melodien zu erleben. Es hebt den Körper als multisensorischen Zugang hervor, durch den wir die Reise des Lebens antreten – eine Reise, die uns wachsen lässt und unbenennbare körperliche Sehnsüchte weckt: zu fühlen, zu berühren und uns mit anderen Rhythmen und Schlägen zu verbinden – ein Lebensimpuls, den wir manchmal Liebe nennen. 

 

[1] Lynn Margulis und Dorion Sagan, What Is Life?, New York: Simon & Schuster, 1995, S. 113–144.

[2] Lynn Margulis beschreibt Symbiogenese bzw. Endosymbiose als „a long-lasting sexual encounter except that the participants are members of different species“; siehe Lynn Margulis und Dorion Sagan, What Is Life?, Berkeley und Los Angeles: University of California Press, 1995, S. 120.

[3] J. A. Kegerreis, S. Ruiz-Bonilla, V. R. Eke, R. J. Massey, T. D. Sandnes und L. F. A. Teodoro, „Immediate Origin of the Moon as a Post-impact Satellite“, The Astrophysical Journal Letters 937/2 (2022).   

[4] C. R. Bern, „The Moon and the Origin of Life“, in: Earth-Moon Relationships, New York: Springer Science+Business Media, 2001, S. 61–66. 

 

Mit:
Nina Lykke, Edoardo Micheli, Jennifer de Negri, Umico Niwa und xindi

Location

Haus der Kulturen der Welt | HKW
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