Im Zentrum stehen die Dinge: nicht das Schöne oder das Besondere, sondern das, was ohnehin da ist. Ein Drucker, ein Regal, ein Tennisschläger. Dinge, die man benutzt und wieder vergisst. In seinen Zeichnungen begegnet Patrick Roman Scherer diesen Gegenständen mit instinktiver Aufmerksamkeit. Er löst sie aus jedem räumlichen Zusammenhang, vergrößert sie, bettet sie in komplexe ornamentale Strukturen ein. In immer neuen Konstellationen kehren sie wieder und verdichten sich zu einem wachsenden Repertoire, zu einem Archiv der Dinge.
Taking the side of things. Partei für die Dinge ergreifen. Der Ausstellungstitel geht zurück auf die Begegnung mit dem Gedichtband Le parti pris des choses von Francis Ponge. Wörtlicher ließe sich der französische Titel als The side taken by things verstehen – eine Parteinahme der Dinge für sich selbst. In Ponges Texten wird der Versuch unternommen, die Dinge von vorgefassten Bedeutungen zu lösen und ihnen eine eigene Stimme zu geben. Er beschreibt sie nicht, sondern überführt sie in Sprache, um ihr Eigenleben sichtbar werden zu lassen. Scherers Arbeiten folgen einer ähnlichen Verschiebung.
Filigrane Linien umkreisen die Gegenstände, überlagern sie, halten sie fest oder lassen sie wieder frei. Kunst- und kulturhistorische Resonanzen öffnen sich: Anklänge an Ikonen und sakrale Bildformen, an gotische Ornamente, textile Muster oder kostbare Tapisserien. Die Zeichnung ahmt Oberflächen nach, evoziert Stofflichkeit, Dichte und Haptik. Offene Partien stehen neben verdichteten, ornamentalen Zonen. Präzision trifft auf Freiheit, Strenge auf Bewegung: Papier scheint durch den Raum zu fliegen, ein Tennisschläger verharrt im Schwung, kurz vor dem Aufprall.
Zugleich wird die Zeichnung selbst zum zentralen Akteur. Selbst dort, wo gemalte Flächen hinzukommen, bleibt Bleistift auf Papier der Ausgangspunkt. Die Zeichnung bleibt nicht im intimen Format, sondern breitet sich aus, greift in den Ausstellungsraum über und entwickelt sich ins Installative. Arbeiten treten in Beziehung zueinander, nehmen Motive auf und führen sie weiter. Es entsteht kein Nebeneinander einzelner Werke, sondern ein fließendes Kontinuum. Auch der Raum dazwischen wird wirksam als Ort von Übergängen und Wiederholungen, in dem sich ein eigener Rhythmus ausbildet.
Es ist ein Spiel mit Wahrnehmung und Erwartung. Was geschieht, wenn ein Tennisschläger mit der gleichen Aufmerksamkeit betrachtet wird wie ein kostbares Objekt? Wann wird ein Regal bildwürdig, ein Gebrauchsgegenstand zur Erscheinung? Die Spannungen lösen sich nicht auf, sie bleiben bestehen und halten die Arbeiten offen. Aus ihnen heraus beginnt sich eine neue, bewegliche Ordnung zu formieren. Es entstehen Gefüge, die sich einem eindeutigen Zeit- und Raumgefühl entziehen, in denen Gewöhnliches und Wertvolles, Gegenwärtiges und Vergangenes parallel bestehen. Scherer beschreibt diesen Prozess als eine Art unaufgeräumte Schublade: Unterschiedliche Dinge liegen nebeneinander, ohne Hierarchie, und treten gerade dadurch in neue Beziehungen. Was zunächst zufällig wirkt, folgt einer eigenen Logik, die sich erst mit der Zeit erschließt.
Patrick Roman Scherer (geb. 1988 in Kufstein, Österreich) lebt und arbeitet in Wien. Im Zentrum seiner künstlerischen Praxis steht die Zeichnung, insbesondere Bleistift auf Papier und Karton, die er in großformatige Arbeiten und raumgreifende Installationen erweitert. Sein Studium „Grafik und druckgrafische Techniken“ an der Akademie der bildenden Künste Wien schloss er 2017 ab und arbeitet als freischaffender Künstler mit Atelier in Wien. Seither zeigt er seine Arbeiten in zahlreichen Einzel- und Gruppenausstellungen im In- und Ausland.