Die interdisziplinäre Künstlerin Nazanin Noori (* 1991, Wiesbaden) präsentiert die Berlin-Premiere von A LETTER TO EUROPE. Die Spoken-Word-Oper basiert auf einem Gedicht der Lyrikerin und Dramatikerin Athena Farrokhzad (* 1983, Teheran) und thematisiert Migration, Grenzen und Vertreibung im heutigen Europa. Fragmente aus Lasst uns an den Beginn der kalten Jahreszeit glauben der Dichterin Forugh Farrokhzad (* 1935 in Teheran) durchziehen die Aufführung als poetischen Refrain. Das Werk verbindet Stimme, Perkussion und Elektronik mit einer Partitur von Noori zusammen mit dem Musiker Andrea Belfi (* 1979, Verona).
In Anlehnung an die Struktur einer Hochzeit bringt die Performance die iranische Klassik-Sängerin Samin Ghorbani, zwei Spoken-Word-Performerinnen (Kate Strong und Noori selbst) sowie die zwei Schlagzeuger Andrea Belfi und Ludwig Wandinger zusammen. Im Wechsel zwischen gesprochenem Wort und Gesang spiegelt das Werk die Bewegung der Gedichte zwischen affektiven und politischen Registern wider, während die Schlagzeuger eine Gegenstruktur aus Rhythmus und Kontrolle etablieren. Der elektronische Score fügt eine weitere Ebene hinzu, die an die starren Rahmenbedingungen institutioneller Systeme erinnert.
Ausgehend vom Mythos der Europa aus der griechischen Mythologie übersetzt die Arbeit Themen wie kollektiver Zwang und umkämpfte gesellschaftliche Zugehörigkeit in eine szenische Anordnung. Der mythologische Bezug fungiert dabei als strukturelle Parallele statt als narrative Illustration und verortet Farrokhzads Kritik an Europa in einer längeren Geschichte erzwungener Migration und asymmetrischer Machtverhältnisse.