Im Zentrum des diesjährigen Programms des Poesiefestival Berlin (15. Mai – 14. Juni) stehen drei große thematische Schwerpunkte: Mythos, Trauer und ein kritisches Ent-Schreiben eines zumeist weiß und männlich geprägten europäischen Literatur-Kanons.
Das Festival bespielt in dem dezentralen Festivalprogramm am Pfingstsonntag auch die Akademie der Künste. Die Lyrikerinnen Esther Kinsky, Ann Cotten und Anne Carson lesen aus ihren Texten und sind im Gespräch zu erleben. Das Programm eröffnet die vielfach ausgezeichnete Schriftstellerin und Übersetzerin Esther Kinsky. Ihr Werk zeichnet sich durch eine intensive Auseinandersetzung mit Landschaft, Geschichte und Gedächtnis aus. Auf sie folgt Ann Cotten, die als eine der eigenwilligsten Stimmen der zeitgenössischen Lyrik gilt und die ihren soeben erschienenen Gedichtband Poller. Idyllen vorstellt.
Am Abend liest erstmalig seit 20 Jahren wieder live in Berlin die kanadische Dichterin Anne Carson. Ihr Werk ist in besonderer Weise mit den diesjährigen Festivalthemen verbunden, da sich darin Mythos, Trauer und die Beschäftigung mit kanonischen Traditionen immer wieder kreuzen.
Ab dem 2. Juni konzentriert sich das Festival im silent green in Berlin-Wedding, wo neben großen thematischen Abenden zahlreiche weitere Lesungen und Gespräche, „Weltklang – Nacht der Poesie“ mit sieben internationalen Dichter*innen sowie die Berliner Rede zur Poesie stattfinden.
Anne Carson (geboren 1950 in Toronto) ist die vielleicht renommierteste lebende Schriftstellerin. Jedes Jahr wird sie bei den Buchmachern unter den aussichtsreichsten Anwärter*innen auf den Literaturnobelpreis hoch gehandelt. Als Dichterin, Essayistin, Übersetzerin und Altphilologin bespielt sie virtuos unterschiedliche Gattungen und Genres, ja, einige davon erfand sie sich zum eigenen Gebrauch kurzerhand selbst.
Ihren ersten großen Erfolg erzielte sie 1986 mit einem Text, der sich frei zwischen Essay und wissenschaftlicher Studie bewegt: Eros the Bittersweet. Darin setzt sie sich unter anderem mit Sappho und Platon auseinander und vertritt die These, dass Eros aus einem Gefühl des Mangels heraus entsteht. Der internationale Durchbruch gelang ihr zwölf Jahre später mit dem Versroman Autobiography of Red, ein Buch, das in gleich zwei deutschen Übersetzungen vorliegt: einmal von Karen Lauer (2001) und einmal – erweitert um die Fortsetzung Red Doc> – von Anja Utler (2019). Carson wendet in diesen Texten ein Verfahren an, für das sie berühmt wurde: Sie erzählt einen entlegenen antiken Mythos radikal neu – in diesem Fall den Geryon-Mythos des Dichters Stesichoros – und verlegt ihn als eine Geschichte über Missbrauch und Begehren in die Gegenwart.
Es folgten zahlreiche Bücher, in denen Carson das Spektrum ihrer Ausdrucksmöglichkeiten kontinuierlich erweiterte, darunter so bahnbrechende Werke wie Decreation (2005), Nox (2010) und Antigonick (2012). Im Jahre 2020 hielt Carson außerdem die fünfte Rede zur Berliner Poesie unter dem Titel Dreizehn Blickwinkel auf Einige Worte / Thirteen Ways of Looking at a Short Talk (Wallstein Verlag 2020). Zuletzt erschienen bei Matthes & Seitz mehrere Bücher in der deutschen Übersetzung von Marie Luise Knott, darunter Norma Jeane Baker von Troja (2025), eine kunstvolle Überblendung zweier ikonischer Frauengestalten: der mythischen Helena und der nicht weniger mythischen Marilyn Monroe.
Am Abend des Pfingstsonntags wird Anne Carson zusammen mit ihrem Partner, dem britischen Künstler Robert Currie, eine Performance ihres eigens für die Veranstaltung übersetzten Textes Lecture on the History of Skywriting präsentieren. Carson bezeichnet diese Lecture als eine „kurze Geschichte ihres Lebens als Schriftstellerin“ und erzählt sie als eine alternative Ursprungslegende, in der Wissenschaft und biblischer Schöpfungsmythos ineinander verschränkt werden.
Es heißt dort: „Before the creation of creation, I kept some notes.“ Und: „I was a superhot superdense young sky and I liked a good bit of rebound.“ Die Dichterin expandiert gemeinsam mit dem Universum an den sieben Tagen der Schöpfungswoche, von Rotverschiebung zu Rotverschiebung – eine unendliche und zugleich unendlich kurze Reise, auf der Herakles gezeugt wird, Christopher Hitchens sich zum Thema Vaterschaft äußert und Wolken die Form von Werner Herzog annehmen.
Hinzu kommen eingestreute Zitate von John Cage, Virginia Woolf, Immanuel Kant und Marcel Proust (übersetzt von Lydia Davis) sowie ein Interview mit der Beckett-Figur Godot, die sich von Yoko Ono Ratschläge darüber einholt, wie man sich die eigene Wartezeit vertreibt, während alle anderen auf einen warten. Und mitten im Text verbirgt sich jene in eine Frage gekleidete Erkenntnis, die eigentlich für alles gilt, was Anne Carson je geschrieben hat: „Who would be bothered doing science if it weren't erotic?“
Im Anschluss: Anne Carson im Gespräch mit Marie Luise Knott
Die Veranstaltung wird Englisch-Deutsch gedolmetscht. Mit freundlicher Unterstützung von ECHOO Konferenzdolmetschen.
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Preisinformation:
€ 24/12 (zzgl. VVK-Gebühr)
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