Im Zentrum des diesjährigen Programms des Poesiefestival Berlin (15. Mai – 14. Juni) stehen drei große thematische Schwerpunkte: Mythos, Trauer und ein kritisches Ent-Schreiben eines zumeist weiß und männlich geprägten europäischen Literatur-Kanons.
Das Festival bespielt in dem dezentralen Festivalprogramm am Pfingstsonntag auch die Akademie der Künste. Die Lyrikerinnen Esther Kinsky, Ann Cotten und Anne Carson lesen aus ihren Texten und sind im Gespräch zu erleben. Das Programm eröffnet die vielfach ausgezeichnete Schriftstellerin und Übersetzerin Esther Kinsky. Ihr Werk zeichnet sich durch eine intensive Auseinandersetzung mit Landschaft, Geschichte und Gedächtnis aus. Auf sie folgt Ann Cotten, die als eine der eigenwilligsten Stimmen der zeitgenössischen Lyrik gilt und die ihren soeben erschienenen Gedichtband Poller. Idyllen vorstellt.
Am Abend liest erstmalig seit 20 Jahren wieder live in Berlin die kanadische Dichterin Anne Carson. Ihr Werk ist in besonderer Weise mit den diesjährigen Festivalthemen verbunden, da sich darin Mythos, Trauer und die Beschäftigung mit kanonischen Traditionen immer wieder kreuzen.
Ab dem 2. Juni konzentriert sich das Festival im silent green in Berlin-Wedding, wo neben großen thematischen Abenden zahlreiche weitere Lesungen und Gespräche, „Weltklang – Nacht der Poesie“ mit sieben internationalen Dichter*innen sowie die Berliner Rede zur Poesie stattfinden.
In ihrem jüngsten Gedichtband Heim.Statt (Suhrkamp Verlag 2025), ein Zyklus aus sieben mehrstimmigen und vielsprachigen Langgedichten, beschreibt Esther Kinsky (geboren 1956 in Engelskirchen) Fluchtbewegungen über mehrere Jahrtausende, Landes- und Sprachgrenzen hinweg. Angesiedelt sind die Gedichte in entlegenen Landschaften, denen Spuren von Vertreibung, Heimatlosigkeit und Gewalt, die „ahnung von abwanderungen“, eingeschrieben sind: wie die schottischen Highlands und Inseln, „entwohnt jetzt / ausgezehrt und / abgebaut“, nachdem sie vor über zweihundert Jahren zwangsgeräumt wurden, oder das dünn besiedelte, norditalienische Karstgebiet, in dem die Männer nur im Sommer zu ihren Frauen heimkehren.
Jedem Langgedicht ist ein mit „Balkanroute“ betitelter Anhang beigefügt, der das Netz literarischer und mythologischer Motive, die sich in immer neuen Variationen durch den Band ziehen, weiter verdichtet und zu gegenwärtigen Fluchtbewegungen querverbindet. Ein wiederkehrendes Motiv sind beispielsweise Vögel – Vögel, die mit den Seelen Verstorbener unter den Flügeln Grenzen überfliegen; Vögel, denen die Zungen herausgeschnitten werden; Frauen, die sich in Vögel verwandeln, wie die Schwestern Philomele und Prokne.
Wichtiger als die genaue Verortung der Gedichte erscheint dabei ein übergreifendes Nachdenken über die historischen und kulturellen Fährten, die im vom Menschen geformten „Gelände“ sichtbar werden, und über die „nimmerstatt“, die Heimat der Zwischenräume und Fluchtpunkte.
Im Anschluss: Esther Kinsky im Gespräch mit Nico Bleutge
Preisinformation:
€ 9/7 (zzgl. VVK-Gebühr) https://literatur-berlin.tickettoaster.de/produkte/4087-tickets-lesung-im-buchengarten-mit-esther-kinsky-akademie-der-kuenste-berlin-am-24-05-2026
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