Im Zentrum des diesjährigen Programms des Poesiefestival Berlin (15. Mai – 14. Juni) stehen drei große thematische Schwerpunkte: Mythos, Trauer und ein kritisches Ent-Schreiben eines zumeist weiß und männlich geprägten europäischen Literatur-Kanons.
Das Festival bespielt in dem dezentralen Festivalprogramm am Pfingstsonntag auch die Akademie der Künste. Die Lyrikerinnen Esther Kinsky, Ann Cotten und Anne Carson lesen aus ihren Texten und sind im Gespräch zu erleben. Das Programm eröffnet die vielfach ausgezeichnete Schriftstellerin und Übersetzerin Esther Kinsky. Ihr Werk zeichnet sich durch eine intensive Auseinandersetzung mit Landschaft, Geschichte und Gedächtnis aus. Auf sie folgt Ann Cotten, die als eine der eigenwilligsten Stimmen der zeitgenössischen Lyrik gilt und die ihren soeben erschienenen Gedichtband Poller. Idyllen vorstellt.
Am Abend liest erstmalig seit 20 Jahren wieder live in Berlin die kanadische Dichterin Anne Carson. Ihr Werk ist in besonderer Weise mit den diesjährigen Festivalthemen verbunden, da sich darin Mythos, Trauer und die Beschäftigung mit kanonischen Traditionen immer wieder kreuzen.
Ab dem 2. Juni konzentriert sich das Festival im silent green in Berlin-Wedding, wo neben großen thematischen Abenden zahlreiche weitere Lesungen und Gespräche, „Weltklang – Nacht der Poesie“ mit sieben internationalen Dichter*innen sowie die Berliner Rede zur Poesie stattfinden.
„Ein Poller ist ein Schutzwerk gegen imaginierte Gefahren, zugleich aber ein Hindernis gegen die Annahme, man könnte einfach überall unsichtbare Grenzen überfahren.“ –
In Poller.Idyllen (Suhrkamp Verlag 2026) stellt Ann Cotten (geboren 1982 in Ames, USA) Gedichte wie Poller ins Sichtfeld. Sie lenken den Blick auf das, was man vielleicht gerne übersehen würde in unserer schönen spätkapitalistischen Welt, zum Beispiel auf diejenigen, deren unsichtbare Arbeit den Komfort aller anderen sichert.
Das Motto des Bands nimmt Bezug auf die bukolischen Idyllen von Theokrit, die das einfache ländliche Hirtenleben idealisieren und – auch in ihren späteren Ausformungen bis in den Realismus – die prekären Bedingungen der Arbeiterschicht in idyllischen Darstellungen zu kaschieren und ein harmonisches Gleichgewicht zu suggerieren suchen. Die Poller-Idyllen hingegen legen die Schieflagen der globalisierten Welt frei und postieren sich im politischen Raum. Cotten vergleicht die Idyllen mit dem „Gebrabbel eines plätschernden, von Unfug oder Zufall geöffneten Hydranten“, der „die ganzen Schwermetalle, Blödheiten, Lügen unserer Gesellschaften und die drastischen Situationen, was Einkommensschere, Sozialpolitik und Klima betrifft“ nach oben schwemmt.
Unterhalb der Poller-Gedichte verläuft durch alle Kapitel des Bands hindurch eine Horizontlinie, darunter ist alles „Natureingang“, wie es in den Anmerkungen heißt. Es handelt sich um Texte, die seit 2009 entstanden und zu einem konzeptuellen Nährboden recycelt wurden, in dem die Poller stabil stehen: „Weil du so mächtig, so voll mit einem brutalen Umfahrpotential bist, stehen wir, um dich an dein zerstörerisches Potential zu erinnern und zu bitten, dich im Zaum zu halten.“
Im Anschluss: Ann Cotten im Gespräch mit Bertram Reinecke
Preisinformation:
€ 9/7 (zzgl. VVK-Gebühr)
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