In the organizer's words:
Dieser Vortrag lädt ein zu einer vertieften Analyse der Figur Kind in kulturellen Vorstellungen, wie sie die Wissenschaftlerin Julia Boog-Kaminski anhand griechischer Mythen entfaltet. Dabei rückt die Verbindung von Wunsch, Furcht und Projektion ins Blickfeld, die sich in uralten Erzählmotiven spiegelt.
Im Zentrum steht die mythologische Reihe von Uranos, der seine Kinder bei Gaia einsperrt, bis zu Kronos, der seine Nachkommen verschlingt. Diese Geschichten bilden den Kern eines kulturellen Komplexes, der über Jahrhunderte die Auslöschung der jüngeren Generation thematisiert.
Der Philosoph Hans Blumenberg beschreibt dieses Muster als eine «Pathologie des Zeitbezugs»: In einer Welt, in der zwei Weltkriege Millionen junger Menschen das Leben kosteten, bleibt das Fortbestehen der Welt über die eigene Lebensspanne hinaus ein tiefes Ärgernis. Der Mensch erscheint hier als jemand, der den Anderen ihre Zeit nicht gönnt – insbesondere den Kindern, die eigentlich für die Zukunft bestimmt sind.
Julia Boog-Kaminski erkundet in ihrem Vortrag die Fragestellung, was es für unsere heutige Zeit bedeutet, wenn man annimmt, dass dieses Muster der Vernichtung der Nachkommenschaft nicht gegen die menschliche Natur läuft, sondern sie vielmehr an ihrem Kern berührt.
Die Referentin ist promovierte Wissenschaftlerin und Autorin und bringt fundiertes Wissen zu diesem vielschichtigen Thema mit.