In the organizer's words:

Künstlerin: Luisella Traversi Guerra
Titel der Ausstellung: Zwischen Atemzügen – il mio canto libero
Kuratorinnen: Claudia Santeroni, Luisa Catucci
Eröffnung: 26. Juni 2026
Laufzeit: 27. Juni – 1. August 2026

 

Die erste Reaktion ist körperlich.
Ein tiefer Atemzug.

Jener Atemzug, der instinktiv kommt vor einer offenen Landschaft, in der Gegenwart von etwas Lebendigem, etwas, das die Lungen klärt und zugleich etwas weniger Greifbares berührt. Der Brustraum öffnet sich, der Rhythmus verlangsamt sich, die Wahrnehmung schärft sich.

Das Werk von Luisella Traversi Guerra beginnt genau dort.

Es verlangt nicht, gelesen zu werden. Es verlangt, geatmet zu werden.

Ihre Malerei konstruiert keine Bilder. Sie lässt sie entstehen. Sie beschreibt die Welt nicht, sondern tritt in sie ein und löst die Distanz zwischen Betrachterin oder Betrachter und Phänomen auf. Was auf der Leinwand erscheint, ist niemals statisch: ein Feld in Bewegung, in dem Farbe, Materie und Geste in fortwährender Transformation bleiben.

Natur ist hier nicht Motiv. Sie ist Zustand.

Blüten, Zweige, Felder in voller Blüte werden nicht als solche dargestellt. Sie dehnen sich aus, lösen sich auf, formieren sich neu, bis sie etwas anderes werden: Schwingung, Dichte, Rhythmus. Das Sichtbare ist nur die erste Schicht. Was sich dahinter öffnet, geht über das Wiedererkennen hinaus.

Die Ausstellung entfaltet sich in den vier Räumen der Luisa Catucci Contemporary in Berlin, wobei jeder Raum einer Jahreszeit entspricht. Nicht als Abbild, sondern als Erfahrung. Jeder Raum wird zusätzlich durch ätherische Öle und Ikebana-Kompositionen aktiviert, die von der Künstlerin selbst geschaffen wurden. Dadurch erweitert sich das Werk in den sinnlichen Raum und vertieft seinen Dialog mit dem Kreislauf der Jahreszeiten.

Der Frühling ist das Einatmen. Ein Moment der Öffnung. Die Formen sind noch ungewiss, treten hervor, schwebend zwischen Erscheinung und Auflösung. Alles ist möglich, noch nichts festgelegt.

Der Sommer ist der volle Atemzug. Ausdehnung, Sättigung, Eintauchen. Der malerische Raum wird dicht, beinahe überwältigend. Die Farbe intensiviert sich, Materie verdichtet sich, der Körper wird hineingezogen und aufgenommen.

Der Herbst ist das Langsamerwerden des Atems. Eine Rückkehr nach innen. Schichten setzen sich ab, die Töne werden tiefer, die Gesten bedachter. Was bleibt, ist nicht weniger, sondern konzentrierter. Das Werk beginnt, die Zeit zu entschleunigen.

Der Winter ist der angehaltene Atem. Ein Moment der Schwebe. Das Bild wird wesentlich, reduziert und zugleich aufgeladen. Stille erscheint, doch sie ist nicht leer. Sie ist präzise. Sie ist Stille.

Durch all diese Übergänge wird das Werk von einer meditativen und beharrlichen Disziplin getragen. Nicht sichtbar als Kontrolle, sondern als Hingabe. Eine fortwährende Rückkehr zur selben inneren Notwendigkeit, jedes Mal aus einem anderen Blickwinkel angegangen, bis etwas mit Klarheit zu schwingen beginnt.

Im Laufe der Zeit hat sich die Malerei vom Bedürfnis entfernt, Form festzulegen. Was bleibt, ist Materie als Sprache. Pigment verdichtet sich oder löst sich auf, Oberflächen öffnen oder schließen sich, Farbe wird mehr Rhythmus als Beschreibung.

Die Betrachtenden stehen dem Werk nicht gegenüber, sondern befinden sich in ihm. Das Werk zeigt sich nicht als Objekt, sondern als Raum. Es verlangt Zeit, Aufmerksamkeit, Präsenz. Es verändert sich je nachdem, wie man es durchschreitet.

Was hervortritt, ist kein Bild, sondern ein Zustand.

Ein Zustand, in dem Atmen und Sehen beginnen, sich anzugleichen. In dem Wahrnehmung nicht nur visuell, sondern körperlich wird. In dem Malerei zu etwas wird, das nicht nur betrachtet, sondern erlebt wird.

Zwischen Atemzügen – il mio canto libero ist keine Ausstellung über die Jahreszeiten.

Es ist eine Ausstellung über Zyklen von Ausdehnung und Rückkehr, über die Bewegung zwischen Öffnung und Innehalten, zwischen Eintauchen und Klarheit.

Über jenen Moment zwischen einem Atemzug und dem nächsten, in dem etwas innen und außen für einen Augenblick zusammenfällt.

Luisa Catucci
Galerieleitung & Kuratorin

 

 

Location

Luisa Catucci Contemporary Brunnenstraße 170 10119 Berlin

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